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70 Jahre Ökumenischer Rat der Kirchen

Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein….
Corinna Schmidt, Geistliche Leitung Ökumenisches Forum HafenCity

…. so lautete der zentrale Satz während der Gründungsversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) 1948 in Amsterdam, angesichts von Millionen Opfern durch zwei Weltkriege. Leider müssen wir aktuell an so vielen Orten auf der Erde erinnern und mahnen, dass Kriege Gottes ganze gute Schöpfung zerstören.
Nicht müde werden, wie eine Mahnerin in der Wüste Unrecht zu benennen und Schritte für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung gehen, das ist unser Auftrag. Die prophetische Stimme der Kirchen ist gefragt!
Der ÖRK feiert am 23. August sein 70jähriges Bestehen. In unserem Newsletter findet sich ein Artikel, der 70 Jahre ÖRK-Geschichte in den Blick nimmt. Prof. Dr. Fernando Enns betont darin: „die Kirchen dürfen nicht erstarren, sondern müssen selbst wieder in Bewegung geraten, um ihren Friedensauftrag gerecht zu werden.“

70 Jahre auf einem ökumenischen Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens
Fernando Enns

Mit den Beschlüssen der letzten ÖRK-Vollversammlung in Busan (2013) bekennt sich die Gemeinschaft der Kirchen nachdrücklich zur bleibenden Dringlichkeit ethischer wie theologischer Klärungen, die sich durch weithin herrschende Ungerechtigkeiten und Gewalt als Herausforderung für das Kirchesein selbst ergeben: ein ökumenischer „Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens“, zu dem „alle Menschen guten Willens“ aufgefordert werden! Die Kirchen des ÖRK stellen sich damit erneut der Verantwortung, Friedensschaffung und den Einsatz für Gerechtigkeit ins Zentrum zu rücken, um ihren Glauben glaub-würdig in dieser Welt zu bezeugen. Dies kann nicht ohne grundlegende theologische Reflexionen geschehen, die das Wesen wie den Auftrag und die Mission der Kirche betreffen.

Die umfangreichen und zum Teil kontroversen friedensethischen Diskussionen innerhalb der modernen ökumenischen Bewegung haben stets versucht, sowohl auf die spezifischen kontextuellen Herausforderungen zeitnah zu reagieren, als auch zu sorgfältigen und umfassenden Beurteilungen zu gelangen, sowie gemeinsame Handlungsstrategien hinsichtlich der lokalen und globalen Herausforderungen zu entwickeln. Seit ihren Anfängen ist die ökumenische Bewegung von friedensethischen Diskussionen motiviert und geprägt, so dass sich die gesamte Geschichte des ÖRK aus dieser distinkten Perspektive nachzeichnen lässt. Stets wurde berücksichtigt, dass das christliche Friedenszeugnis die Mehrdimensionalität des Friedens zu betonen hat: als Verhältnis zu Gott, untereinander als verschiedene Konfessionen, zum Nächsten und als politische, soziale und ökonomische Ordnung.
Zu unterschiedlichen Zeiten traten hierbei die verschiedenen Dringlichkeiten in den Vordergrund, da die Kirchen des ÖRK jeweils versuchten, gemeinsam „die Zeichen der Zeit“ zu lesen, um eine gemeinsame Antwort als der „eine Leib Christi“ zu formulieren – in Wort und Tat (Verkündigung und Diakonie).

„Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein!“ – so der zentrale Satz während der Gründungsversammlung des ÖRK 1948 im Concertgebouw Amsterdams, angesichts der Millionen von Opfern durch zwei Weltkriege. Aber diese Geschichte beginnt schon früher: Nach ersten Kontakten einiger christlich-sozialer Initiativen und Friedensorganisationen aus verschiedenen Kirchen und Ländern wurde bereits am 2. August 1914 – zeitgleich mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges – der Weltbund für Internationale Freundschaftsarbeit der Kirchen gegründet. Die bis dahin nahezu als ‚Schöpfungsordnungen’ akzeptierten und theologisch legitimierten Grenzen von Nation, Konfession, sozialer Klasse und ethnischer Zugehörigkeit müssten doch durch die Einheit in Christus transzendiert werden, so die aufkeimende ökumenische Überzeugung. 1919 wurde innerhalb der größer werdenden christlichen Friedensbewegung der bis heute bestehende überkonfessionelle International Fellowship of Reconciliation gegründet, in dem sich Christen und Christinnen zusammenfanden, die sich zur konsequenten Gewaltfreiheit bekannten.

Bereits während der Weltkonferenz für Praktisches Christentum 1925 in Stockholm gelang es, die theologische Begründung zur Ablehnung kriegerischer Gewalt mit der „Gesinnung und dem Verhalten Christi“ zum Ausdruck zu bringen, die für die Kirche maßgebend seien. Aber diese optimistische Sicht war bald beeinträchtigt: Faschismus, Nationalismus und Rassismus, einhergehend mit unvorstellbarer militärischer Aufrüstung und wirtschaftlicher Instabilität bestimmten einmal mehr die weltpolitische Tagesordnung. Die angestrebte Gründung eines Weltrates der Kirchen musste bis nach dem 2. Weltkrieg warten. Die zur Gründungversammlung in Amsterdam gekommenen Christinnen und Christen aus allen Teilen der Welt fanden Worte der Reue und des Schuldbekennens.

Politisch äußerst wichtige Gespräche fanden in der 1958 gegründeten Prager Christlichen Friedenskonferenz statt, die die Ost-West-Spaltung ins Zentrum ihrer Beratungen stellte, den Kalten Krieg zu überwinden suchte und ein Verbot nuklearer Waffen anstrebte. Daneben entwickelte sich seit den 1960er ein weiteres Feld zum entscheidenden Prüfstein: Sollte es für Christen der sogenannten Dritten Welt in ihrem ‚Kampf’ für mehr Gerechtigkeit und Befreiung von diktatorischen und unterdrückerischen Strukturen nicht legitim sein, Gewalt als letztes Mittel anzuwenden? – Die Perspektive war hier nun eine völlig andere: nicht die der Mächtigen, sondern die der Unterdrückten, deren Alltag von direkter Gewalt gekennzeichnet war. Befreiungsbewegungen und eine ‚Theologie der Revolution’ entstanden, bei denen in neuer Weise nach Gottes Handeln in der Geschichte gefragt wurde. Die in vielerlei Hinsicht wegweisende ÖRK-Weltkonferenz für Kirche und Gesellschaft 1966 in Genf setzte sich intensiv mit der Frage der „revolutionären Gewalt“ auseinander.

Die Diskussionen spitzten sich zu, als der ÖRK das „Programm zur Bekämpfung des Rassismus“ initiierte, weil hier seitens des ÖRK manche dieser Befreiungsbewegungen unterstützt wurden, selbstverständlich stets zweckgebunden auf humanitäre Hilfe beschränkt. Das hinderte jedoch manche – gerade auch Kirchenvertreter aus dem Norden – nicht daran, den ÖRK als gewaltunterstützende und Kommunismus freundliche Organisation zu difamieren, was dem Ansehen der Gemeinschaft der Kirchen langfristig erheblichen Schaden zufügte. Im Süden gewann der ÖRK nun allerdings durch seine eindeutige Solidarität mit den Schwachen und Unterdrückten erheblich an Glaubwürdigkeit, gerade weil er sich nun auch mutig gegen die „strukturelle Gewalt“ wandte, in die die reichen Kirchen des Nordens und Westens verflochten waren.

Die Vierte Vollversammlung des ÖRK in Uppsala 1968 (auf der der Baptist Martin Luther King als einer der Hauptredner vorgesehen war, jedoch kurz vorher dem Attentat zum Opfer fiel) verabschiedete dann aber eine Resolution, die eine Studie zu gewaltfreien Methoden forderte: Violence, Nonviolence and the Struggle for Social Justice (1973). Ein wichtiger Klärungsprozess musste nun einsetzen, der die Friedensthematik nicht länger auf die Frage der legitimen bzw. illegitimen Gewaltanwendung allein beschränkte.

Bei der Sechsten Vollversammlung des ÖRK in Vancouver 1983 stand der Beginn des „konziliaren Prozess gegenseitiger Verpflichtung (Bund) für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der ganzen Schöpfung“ im Zentrum der Beratungen, der in der Weltversammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in Seoul 1990 seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte. Erstmals in systematisch angelegter Breite wollten die Kirchen ihre Hoffnung materialisieren: Analyse (Bedrohungen identifizieren, innere Zusammenhänge herstellen), aktuelles Bekennen (Erarbeitung theologischer Grundüberzeugungen zu Gerechtigkeit, Frieden, Schöpfungsbewahrung), praktische Verpflichtungen (Übernahme gemeinsamer Verpflichtungen zur Überwindung der Bedrohung). Als ekklesiologisches Modell diente der Begriff des „Bundesschlusses“.

Das Ende des Kalten Krieges und der Blockkonfrontation verlagerte die Gewichte der ökumenischen Debatte erneut. Plötzlich sah man sich herausgefordert durch den Zerfall von Staaten, der in manchen Fällen ein solches Macht- und Rechtsvakuum entstehen ließ, dass sich daraus völlig unkontrollierte Gewaltexzesse bis hin zum Völkermord ergaben – auch als „Neue Kriege“ bezeichnet – in denen keine ideologischen Fronten mehr erkennbar sind. Daneben reifte die Erkenntnis unter den Kirchen, dass Gewalt in seiner direkten (personalen und interpersonalen), indirekten (strukturellen, vor allem in Form der wirtschaftlich ungerechten Globalisierung) und sogar kulturellen Dimension Leben in seiner Fülle für alle unmöglich macht. Die Kirchen verpflichteten sich zu einer „Dekade zur Überwindung von Gewalt“ auf der Achten Vollversammlung des ÖRK in Harare (1998). Nicht Geringeres als die Bildung einer „Kultur der Gewaltfreiheit“ wurde nun angestrebt.
„Ehre sei Gott und Friede auf Erden“ – so lautet das Motto der Internationalen Ökumenischen Friedenskonvokation, die im Jahr 2011 als Höhepunkt der Dekade durchgeführt wurde. Neben dem Beschluss zur Einberufung dieser Friedenskonvokation, auf der die verschiedenen Ansätze und Ergebnisse zusammengetragen, gebündelt und für das weitere Bemühen um Frieden in Gerechtigkeit fruchtbar gemacht werden sollen, hatte die Neunte Vollversammlung des ÖRK 2006 in Porto Alegre/Brasilien beschlossen, einen umfassenden Konsultationsprozess zur Ausarbeitung einer „Ökumenischen Erklärung zum Gerechten Frieden“ ins Leben zu rufen. Der breite Konsens ist formuliert in einem „Ökumenischen Aufruf zum Gerechten Frieden“.

Dieses neue Verständnis eines „Gerechten Friedens“ gründet im gemeinsamen trinitarischen Bekenntnis. Aber die Kirchen müssen dieses Bekenntnis weiter entfalten und tatsächlich leben. Die Dekade hatte gezeigt, dass die kirchlichen und nicht-kirchlichen Bewegungen ein großartiger Schatz von Weisheit und Praxis bereithalten. Die Kirchen – und mit ihnen ihre ökumenischen Institutionen – dürfen nicht erstarren, sondern müssen selbst wieder in Bewegung geraten, um ihrem Friedensauftrag gerecht zu werden. So entstand die Verpflichtung zu einem Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens als umfassendes „Programm“ für die folgenden Jahre. Die Metapher des „Pilgerwegs“ erinnert die Kirchen an die transformierende Kraft der Spiritualität! Diese kommt nun endlich als bisher vernachlässigte Dimension der Friedensbildung ins Bewusstsein, als tröstende, heilende und stärkende Gabe eines Lebens im Glauben. 

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1 Vgl. Fernando Enns (2012), Ökumene und Frieden. Bewährungsfelder ökumenischer Theologie. Theologische Anstöße Bd. 4, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener

 

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